Hattenhorst& von Elsner | Literaturgespräch

Thema: Der weiße Mann in Afrika-Kolonialkriege in Deutsch-Südwest

6. Oktober 2022 | 60 Min.

Dr. Maik Hattenhorst und Dr. Tobias von Elsner im Gespräch über Bücher.
Der Weiße Mann in Afrika – Kolonialkriege in Deutsch-Südwest

Im Mittelpunkt des Gesprächs stehen zwei Romane über die Kolonisierung des sogenannten Schutzgebietes Deutsch-Südwestafrika. Die Landnahme deutscher Siedler, das Zurückdrängen der indigenen Bevölkerung von angestammten Weidegebieten und Wasserstellen führte seit den 1880er-Jahren zu Erhebungen gegen die neuen Machthaber. Sie hatten ihren Höhepunkt im grausam unterdrückten Aufstand der Herero- und Nama- Völker von 1904 bis 1908. Im August 1904 hatten die deutschen Truppen versucht, die Hereros beim Plateau des Waterbergs in einer Vernichtungsschlacht zu eliminieren, doch konnte ein großer Teil in die Omaheke Sandwüste entkommen. General v. Trotha ließ die wasserlose Region abriegeln und zehntausende Menschen unter schrecklichen Qualen zugrunde gehen. In der Forschung werden unterschiedliche Opferzahlen genannt; von 80.000 Hereros überlebten wohl nur 15.000 bis 25.000 den Völkermord.

Uwe Timm, Morenga, zuerst Königstein im Taunus 1978, Köln 1983, München 2022
Als Oberveterinär Gottschalk in Swakopmund im Oktober 1904 an Land geht, scheinen die Hereros besiegt, doch im Süden haben die Nama, die sogenannten Hottentotten, zum Aufstand aufgerufen. Der Autor erzählt nicht nur die Geschichte eines Träumers und Menschenfreundes, der die rassistische Behandlung der indigenen Bevölkerung ablehnt und der sich gleichwohl zur Fahnenflucht nicht entschließen kann, sondern romanhafte Passagen verschränken sich auch mit dokumentarischen Texten. Anfang Januar 1905 gerät die Offensive gegen die Rebellen an den Rand einer Niederlage und im multiperspektivischen Roman variiert die Tonlage von sachlichem militärischem Rapport über die lapidare Schilderung elenden Sterbens und Verreckens bis hin zum hochgestimmten Lobpreis des Sieges in den Notizen des Feldpredigers. Die menschenverachtenden Züchtigungsstrafen mit der Nilpferdpeitsche werden dem Leser anhand des überlieferten amtlichen Schriftwechsels veranschaulicht. Jakob Morenga, der strategische Kopf der Nama und der mit ihnen verbundenen Volksgruppen, tritt erst gegen Ende des Romans in Erscheinung. Beim Überfall auf den von Gottschalk begleiteten Transport erweist er sich als großmütiger Sieger, doch sein Kampf wird aussichtslos. Der Bericht des Hauptmanns von Hagen über die Verfolgung Morengas im Grenzgebiet zur britischen Kapkolonie und dessen Tod konstatiert, dass den Schwarzen nun der charismatische Anführer genommen sei.

Gerhard Seyfried, Herero, zuerst Frankfurt am Main 2003, Berlin 2004
Die Hauptperson des Romans, der Kartenzeichner Carl Ettmann, kommt vor dem Aufstand der Hereros Ende 1903 nach Deutsch-Südwestafrika. Nach dem frühen Tod seiner Frau in eine Lebenskrise geraten, hofft er auf einen Neuanfang. Doch fremd und abweisend erscheinen ihm der dürftige Küstenort am Anfangspunkt der Bahn von Swakopmund nach Windhuk, die Namibwüste, und vergeblich wartet er auf seinen Kollegen Swartenberg. Anstatt zusammen nach Windhuk zum dortigen Vermessungsamt zu reisen, holen ihn die kriegerischen Ereignisse ein. Ettmann wird gemustert, und wenig später gehört er als Artillerist zu den Soldaten der Deutschen Schutztruppe auf dem Militärzug, unterwegs in die Aufstandsgebiete. Realistisch und poetisch führt der Autor dem Leser die wechselnden Szenerien und Ereignisse vor Augen. Die Protagonisten verschiedener Handlungsstränge laden ein zur Einfühlung in die weiträumige karge Landschaft und die Kultur der Hereros, wir sind mit einem Missionar und einer Berliner Fotografin unterwegs, und detailgenau lernen wir die Innenansichten des Militärapparates kennen. Die Charaktere sind ebenso fein gezeichnet wie die Landschaftsbilder, die der Kartograph für sich selbst skizziert.

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