Hattenhorst & von Elsner | Literaturgespräch

Thema: Robinsonaden

18. Februar 2022 | 70 Min.

Literaturgespräch mit Dr. Maik Hattenhorst und Dr. Tobias von Elsner
Thema „Robinsonaden“

Der Robinson-Roman von Daniel Defoe, die Geschichte des Seemanns, der sich nach einem Schiffbruch als einziger retten kann, ist stilprägend für ein ganzes Genre von Abenteuergeschichten geworden. Robinson verkörpert den Menschen der Aufklärung und der technisch-praktischen Vernunft. Er organisiert sein Überleben in der Wildnis auf einer einsamen Tropeninsel und entfaltet die Mittel der westlich-abendländischen Kultur und Zivilisation, um die Natur zu beherrschen. Angesichts heutiger Herausforderungen der Klimakrise, Zerstörung ganzer Ökosysteme sowie der Debatten über die Kolonialisierung und gewaltsame Versklavung indigener Völker in der Neuzeit diskutieren Hattenhorst und von Elsner, wie heutige Robinsonaden über den eindimensionalen Fortschrittsglauben hinausweisen.

Michel Tournier, Freitag oder Im Schoß des Pazifik, zuerst Hamburg 1968, Frankfurt am Main 1982. – Der Autor stellt seinen Helden scheinbar in die Tradition des Defoe-Romans. Hier ist Robinson ein junger Kaufmann in der Mitte des 18. Jahrhunderts, der nach der Schiffskatastrophe an den Strand einer unbewohnten Insel in den Weiten des pazifischen Ozeans gespült wird. Feindlich und fremd steht ihm die Natur gegenüber. Die Pläne einer raschen Flucht scheitern und er sieht sich gezwungen, gleichsam im Zeitraffer die Entwicklungsgeschichte vom Jäger und Sammler zum Ackerbauern und Viehzüchter zu vollziehen. Die aus dem Schiffswrack geretteten Werkzeuge und Güter helfen ihm dabei, sich zum Kolonialherrn der Insel aufzuschwingen. Robinson organisiert nach strengem Stundenplan die Arbeit, häuft Vorräte an, und spätestens als er Freitag rettet und mit ihm über einen Knecht und Diener verfügt, könnte die Geschichte zu Ende sein. Doch die Insel offenbart sich ihm als ein beseeltes Wesen, als Mutter und Weib. Robinson durchlebt mehrere Metamorphosen.

Christian Kracht, Imperium, Köln 2012. – Historisch verbürgt ist die Figur von August Engelhardt, eines Aussteigers aus der in Konventionen und hierarchischen Strukturen erstarrten wilhelminischen Gesellschaft des Deutschen Kaiserreichs vor dem Ersten Weltkrieg. Der Kokosnuss-Esser, Sonnenanbeter und Nudist fühlte sich den Ideen der Lebensreformer verbunden und suchte sein Seelenheil in der Südsee. Der Romanautor Kracht führt uns ein in die Welt der deutschen Kolonialherren des Bismarck-Archipels; die Plantagenbesitzer erscheinen als selbstsüchtige, verkommene Subjekte. Die Ziele einer Modernisierung und Kultivierung der neuen „Schutzgebiete“ erweisen sich als hohle Phrasen. Engelhardt will daran keinen Anteil haben. Im Gegenteil, er ist der Robinson auf seiner Kokospalmen-Insel, der die Zivilisation verweigert. Sarkastisch und mit kaltschnäuzigem Witz erzählt Kracht von Engelhardts Scheitern.

Uwe Timm, Vogelweide, Köln 2013. – Auf der Insel Scharhörn vor der Elbmündung im Wattenmeer lebt um 2010 Christian Eschenbach, der hier als einziger Bewohner seinem Job als Vogelwart nachgeht. Der Roman verhandelt den radikalen Bruch in seinem bisherigen Leben. Denn eigentlich verkörpert Eschenbach den Erfolgsmenschen schlechthin in der westlich geprägten, neoliberalen Wirtschaftsordnung. Er hat mit seiner Firma für Software-Entwicklung privaten Wohlstand mit gediegenem Kunstgenuss verbunden und in einer glücklichen Beziehung gelebt, bis ihn das Begehren traf und die Gier nach der Ehefrau des Freundes ruinierte. Der Autor kontrastiert die Erinnerung des Protagonisten an sein privates und berufliches Scheitern mit der archaischen, zeitlosen Nordseelandschaft. Die Robinsonade schafft erst den Raum für Selbstreflexion und neue Offenheit

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