Hattenhorst& von Elsner | Literaturgespräch

Thema: Kulturelle Aneignung

1. Januar 1970 | 70 Min. | Sendereihe: Hattenhorst & von Elsner - Das Literaturgespräch

Kulturelle Aneignung – Formen der Selbstermächtigung

Die Schrecken des Krieges, die todbringenden Angriffe auf die Menschen in der Ukraine, überlagern in diesen Wochen andere gesellschaftliche Kontroversen. Gleichwohl haben Macht und Gewalt auch die lange Geschichte der von Europa ausgehenden Herrschaft über kolonisierte Kontinente bis in unsere Gegenwart geprägt. Anhand zweier Romane veranschaulichen Hattenhorst und von Elsner die Langzeitwirkungen von rassistischen Ideologien und missionarischem Christentum, die Angehörige indigener Völker als Menschen zweiter Klasse etikettierten und mit der Erzählung von der Überlegenheit des „Weißen Mannes“ Ausbeutungsverhältnisse und Sklavenhandel rechtfertigten. Die Bücher führen dem Leser vor Augen, dass ethnische Herkunft und Aussehen das eigene Leben nicht schicksalhaft vorherbestimmen müssen, sondern dass Grenzen von „race, class und gender“ überschritten werden können. Wir diskutieren die Chancen und Konflikte einer solchen Selbstermächtigung hin zu einer selbstbestimmten Identität.

Philip Roth, Der menschliche Makel, New York 2000, Hamburg 2003 (Rowohlt TB)
Der gewandte und durchsetzungsstarke Professor für alte Sprachen und Literatur an einer renommierten Universität in Neuengland, Coleman Silk, muss sich 1995 mit dem Vorwurf auseinandersetzen, er habe Studierende diskriminiert. Coleman hatte nach Seminarteilnehmern gefragt, die bisher zu seinen Veranstaltungen nicht erschienen waren – ob jemand wüsste, wer diese dunklen Gestalten seien, die das Seminarlicht scheuten? Zum Ende seiner Karriere macht ihn der Rassismus-Verdacht zum Außenseiter. Voller Wut und Rachegedanken kämpft er um die Wiederherstellung seiner Ehre. In Rückblenden erfahren wir von seinem Geheimnis. Aus einer afro-amerikanischen Familie stammend, hat er die Chance einer sehr hellen Hautfarbe genutzt, um beim Eintritt in die Armee eine „weiße“ Identität anzunehmen. Dafür nahm er den kompletten Beziehungsabbruch mit seiner Familie in Kauf, schuf sich eine Herkunftslegende als Jude; die Heirat mit einer „weißen“ Frau, „weiße“ Kinder und die Universitätskarriere eröffneten ihm alle Freiheiten, seinen Kindheitstraum von der Gestaltung seines einzigartigen Ichs zu verwirklichen. Der alte Coleman Silk versucht das Heft des Handelns in der Hand zu behalten, doch als er nach dem Tod seiner Frau eine intensive Affäre mit einer halb so alten, analphabetischen Putzfrau eingeht, wird er erneut zur Zielscheibe einer bigotten Doppelmoral.

Mithu Sanyal, Identitti, München 2021 – Der Roman erzählt die Geschichte eines umgekehrten „Rasse-Übergangs“: Professorin Saraswati, Inhaberin des Lehrstuhls für „Intercultural Studies und Postkoloniale Theorie“ der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, hat sich den Studierenden nach Aussehen und Kleidung und durch ihr großes kulturelles Wissen als eine Frau mit indischen Wurzeln präsentiert. Ihr Bruder sorgt für einen Skandal unter ihrer Anhängerschaft, als er die stolze „Person of Color“ Saraswati als die „weiße“ deutsche Frau Sarah Vera Thielmann enttarnt. Besonders getroffen von diesem Vertrauensbruch fühlt sich die Studentin Nivedita Anand. Die Tochter einer polnisch-indischen Verbindung in Deutschland hat sich von Saraswati ermutigt gefühlt, den alltäglichen, aufgedrängten Klischees und Zuschreibungen der Mitmenschen die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit entgegenzusetzen. Besonders die Zwiesprache mit der kraftstrotzenden Göttin Kali, die sie in ihrem eigenen Blog „Identitti“ verbreitet, haben ihr zu einem neuen Selbstbewusstsein verholfen. Saraswati lehrte, es gäbe kein Zurück zu einer essentiellen Identität vorkolonialer Zeiten, sondern es käme darauf an, Spaß an der Konstruierbarkeit von Echt und Jenseits-von-Echt zu haben. Kann Nivedita diese Rechtfertigung kultureller Aneignung akzeptieren?

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