Hattenhorst und von Elsner | Stimmen der Ostdeutschen Nachwende
Über das Beharren und Standhalten
Das Gefühl von Benachteiligung und schlechteren Lebenschancen im Osten Deutschlands wird von objektiven Daten der sozialen und wirtschaftlichen Tatsachen beglaubigt: Niedrigere Löhne und weitaus geringeres Durchschnittsvermögen, Abwanderung und Überalterung der Bevölkerung gehen einher mit der Dominanz westdeutscher Eliten in den leitenden Funktionen von Wirtschaft und Politik. Die mit der deutschen Vereinigung verbundenen Hoffnungen auf einen gerechten Ausgleich sozialer Benachteiligung haben sich in breiten Schichten der Bevölkerung in eine zunehmende Feindschaft gegen die „Altparteien“, die etablierten Medien („Lügenpresse“) und überhaupt gegen die parlamentarische Demokratie nach westdeutschem Muster verwandelt.
Hattenhorst und von Elsner diskutieren zwei Bücher, die sich in ganz unterschiedlichen Textformen mit diesem Thema auseinandersetzen:
Alexander Prinz, Oststolz – Appell eines Nachgeborenen, München 2025
Der Autor grenzt sich ab von soziologischen Analysen (ohne das bekannte Buch von Steffen Mau, Ungleich vereint, zu nennen) und polemischen Streitschriften (wie die des Germanisten Gerd Oschmann, Der Osten: eine westdeutsche Erfindung). Stattdessen verallgemeinert Prinz in seinem beispielhaften Lebensbericht seine biographischen Erfahrungen: Oststolz ist für ihn zunächst das Gefühl einer selbstbewussten Zugehörigkeit zum Ort seiner Herkunft und Heimat; er berichtet vom Aufwachsen auf einem Dorf bei Querfurt, einer Region, die vom Strukturwandel schwer gebeutelt ist. Gleichwohl ließen sich Deindustrialisierung, Arbeitslosigkeit, Landflucht oder das Erstarken rechtsradikaler Parteien nicht mit der DDR erklären. Sein Respekt gilt dem Vater, der den Tischlereibetrieb ohne den Kapitalstock einer ererbten Firma nach der Vereinigung wettbewerbsfähig hielt, der Mutter, deren DDR-Abschluss als Grundschullehrerin nicht anerkannt wurde und den Großeltern mit ihren handwerklichen Fähigkeiten, immer im Fokus das Primat des Nützlichen und der Selbstversorgung. Prinz verbindet diesen familiären Rückhalt mit seinem ganz anderen Berufsweg als Influencer, Autor und Unternehmer. Das Lamento über die Benachteiligung der Ostdeutschen, weil sie Ostdeutsche seien, helfe Niemandem, vielmehr komme es darauf an, beharrlich und zuversichtlich die strukturelle Benachteiligung zu überwinden. Sein Bericht mündet in dem Appell, sich nicht kleinzumachen und mit der Opferrolle abzufinden, sondern „Selbstwirksamkeit“ zu entfalten.
Domenico Mühlensiefen, Manchmal muss man sich entscheiden, Berlin 2026
In seinem Roman nimmt der Autor die Leser und die Leserinnen mit auf einen Roadtrip per LKW quer durch Europa. Die Geschichte entfaltet sofort ihren eigenen Sog, wir sind gleichsam dabei, wie die alleinerziehende Truckerin Sandra mit ihrer 14jährigen Tochter unterwegs ist. Sie kämpft um Aufträge für die nächste Ladung, die traumatische Nachricht vom Tod ihres Ehemanns als Soldat der Bundeswehr in Afghanistan ist immer noch präsent, und die zufällige Wiederbegegnung mit Dirk, ihrer ersten großen Liebe, greift in ihr Leben ein. Dirk ist als Neonazi und Händler illegaler Waffen vorbestraft, erfüllt die Klischees toxischer Männlichkeit und doch lässt sich Sandra aus wirtschaftlicher Not zu einem Warenschmuggel über die Grenze erpressen. Unversehens gerät sie dabei in die Rolle einer Fluchthelferin für eine afghanische „Ortskraft“. Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen (Existenzangst, Zuwanderung von Flüchtlingen) sind in den Erzählstrom eingewebt.