Hattenhorst & von Elsner | Literaturgespräch
Einmischung in die Machtpolitik der Männer
Einmischung in die Machtpolitik der Männer
Die Mitwirkung in öffentlichen Angelegenheiten war für Frauen im 19. Jahrhundert nicht
vorgesehen. Eine strikte Rollenzuweisung verwies sie auf ein passives Dasein in Haushalt
und Familie. Gleichwohl nutzten manche Frauen Handlungsräume ihrer individuellen
Lebensgeschichte, um sich ein freieres selbstbestimmtes Leben zu erkämpfen. –
Hattenhorst und von Elsner diskutieren zwei Romane, deren weibliche Helden in realen,
historisch verbrieften kriegerischen Auseinandersetzungen um Macht und Herrschaft im
„Wilden Westen“ der USA sowie in der Südsee auf Hawaii aktiv vorangehen.
Alex Caput, Susanna, München 2022
Eine verhängnisvolle Tat der fünfjährigen Susanna Faesch führt den Leser ein in die
Lebenswelt der Basler Bürger um 1850. Ihre Mutter Maria kann das freudlose Leben an der
Seite ihres bigotten Ehemanns immer weniger ertragen und reist mit ihrer kleinen Tochter
einem Freund des Vaters hinterher, der als Verfolgter der 1848er Revolution in die USA
ausgewandert ist. In Zeiten der ersten Fotoateliers reüssiert die heranwachsende Susanna
als Malerin: Sie versteht es, mit Pinsel und Ölfarben die Vorlage von steifen Schwarzweiß-
Fotoporträts in lebendige, beseelte Bildnisse zu verwandeln. – In New York führt Susanna
ein gutes Leben als alleinerziehende, geschiedene Frau, die Rückhalt bei ihrer Mutter Maria
findet. Mitte der 1880er Jahre erlebt die Stadt einen enormen Modernisierungsschub in der
neuen globalisierten Maschinenwelt. Susanna ist fasziniert vom Bau der Brooklyn Bridge und
noch mehr von den blutjungen Arbeitern aus den indigenen Völkern, die zwischen Himmel
und Erde die Stahlseile flechten. Die koloniale Landnahme der Siedler hat sie entrechtet, und
Sioux-Häuptling Sitting Bull lässt sich nun in der Buffalo Bill Wildwest Show zur Schau
stellen, um Geld für sein notleidendes Volk zu sammeln. Ihr Sohn ist fasziniert vom „edlen
Wilden“; Susanna kauft für ihn die Fotokarte von Sitting Bull und malt danach dessen Bildnis
in Öl. Sie packt es ein und folgt der Bewegung „Go West“ bis zum Vorposten Fort Yates am
Missouri. Dort lässt sie einen Planwagen bis oben hin mit Lebensmitteln beladen. Mutter und
Sohn machen sich auf den Weg zu Sitting Bull und seinem Volk am Grand River.
Sabrina Janesch, Territorium, Berlin 2026
Schockiert vom Militärputsch gegen die Hawaiische Königin Liliuokalani im Januar 1893, sitzt
die Wahrsagerin und Beraterin Gertrude Wolf im Opiumrausch auf der Terrasse ihres
verwahrlosten Cottage am Rande von Honolulu auf Oahu. Alle Bemühungen, Hawaii nach
den Idealen eines unabhängigen Königtums im Geist der Freiheit, Gleichheit und der
Herrschaft des Rechts über das Unrecht zu regieren, scheinen dem übermächtigen Einfluss
der USA zu unterliegen. Liliuokalani steht unter Hausarrest. Abtrünnige militärische Führer
haben die Macht ergriffen und wollen den Archipel der USA als „Territorium“ angliedern.
Gertrude schleicht sich in die Residenz der Königin und berät sich mit ihr und der
gemeinsamen Freundin Emma Nawahi über Eingaben an den designierten Präsidenten der
USA Grover Cleveland. Liliuokalani vertraut dem loyalen alteingesessenen Unternehmer und
Obersten Richter Hermann Widemann, aber Gertrude erwägt auch ein Attentat auf den
Präsidenten der provisorischen republikanischen Regierung. In einem unbeobachteten
Moment entwendet sie an der Garderobe aus Widemanns Mantel dessen schweren
„Peacemaker“ Colt und macht heimlich Schießübungen. Einig im Ziel, hawaiische
Selbstbestimmung zu behaupten, streiten die Widerständler: Die einen wollen unbedingt
Blutvergießen vermeiden wie die Königin selbst und Emma Nawahi, die anderen setzen auf
einen bewaffneten Gegenschlag wie Gertrude und manche sind innerlich hin- und
hergerissen. Zwei Jahre später, im Januar 1895, ermutigen auch die von Gertrude Wolf aus
den USA nach Hawaii geschmuggelten modernen Waffen dazu, den Aufstand zu wagen.