Hattenhorst & von Elsner | Literaturgespräch

Thema: Gesellschaftliche Brüche nach der 68-er Bewegung

7. April 2021 | 70 Min. | Sendereihe: Hattenhorst & von Elsner - Das Literaturgespräch

Durch die Generationen ein Riss.
Gesellschaftliche Brüche nach der 68-er Bewegung
Anhand dreier Roman-Beispiele diskutieren Hattenhorst und von Elsner die Auswirkungen der gesellschaftlichen Konfrontation Ende der 1960-er Jahre in der Bundesrepublik. Revolutionäre antikapitalistische Proteste an den Universitäten verbanden sich mit Forderungen nach Basisdemokratie und der „Atomkraft? – Nein Danke“-Bewegung. Die Ablehnung bürgerlicher Etikette und die Anklage der „Nazi-Väter“ provozierte die Elterngeneration ebenso wie die „Alternativkultur“, Rockmusik und Drogenkonsum, Sexuelle Freiheit und antiautoritäre Erziehung.
• In Uwe Timms Roman Kerbels Flucht (1980) haben solche Emanzipationsbewegungen in die Sackgasse geführt. Nach abgebrochenem Studium hält sich Christian Kerbel als Taxifahrer über Wasser und führt Tagebuch über das Scheitern sinnstiftender Lebensentwürfe. Seine Freundin ist mit einem aufstrebenden Typen abgehauen, der an seine Architektenkarriere glaubt, während Kerbel eine Bestandsaufnahme konkurrierender Lebensentwürfe entwickelt, die er allesamt ablehnt. Er sieht, dass die Aufsteiger ihre Selbstausbeutung mit Neurosen und Alkoholismus bezahlen, er schaut auf die scheinbare Alternative der Landkommune, deren Mitglieder sich über Alltagskleinigkeiten zerstreiten und scheitern, und er trifft auf die so genannten Randständigen, Obdachlose und Straßenprostituierte. Angesichts kompletter persönlicher und politischer Desillusionierung sucht er den Suizid bei einer Polizeikontrolle.
• In seinem Buch Dorfroman (2020) erzählt Christoph Peters aus der Rückschau seines Besuchs bei den über 80-jährigen und allmählich hilfsbedürftigen Eltern im Ort Hülkendonck am Niederrhein von den Auseinandersetzungen um den „Schnellen Brüter“ in den 1970-er Jahren. Der Name des Dorfes ist erfunden; aber sehr real dokumentiert Peters, wie der Bau des benachbarten Atomkraftwerkes bei Kalkar die Einwohnerschaft in Befürworter und Gegner des Projektes spaltet, wie einerseits die Menschen im konservativen katholischen Milieu des Dorfes verharren und allen Neuerungen und neu Hinzugezogenen misstrauisch und ausgrenzend begegnen, und wie andererseits die traditionellen Lebensmuster von der Hoffnung auf wirtschaftlichen Erfolg und das schnelle Geld durch die Zusammenarbeit mit der Atomindustrie überlagert werden. Der 15-jährige Ich-Erzähler gerät zwischen die Fronten, als er in das Camp der Atomkraft-Gegner gerät und sich in eine der jungen Aktivistinnen verliebt.
Frank Witzel hat seinen autobiografischen Roman Inniger Schiffbruch (2020) ebenfalls als Rückblick in die Vergangenheit angelegt. Nach dem Tod der Eltern begibt sich der Autor auf Spurensuche; bei der Haushaltsauflösung wird das Inventar, die ganze Lebenswelt seiner Kindheit und Jugend in den 1960-er Jahren gemustert und beforscht, er befragt das Leben der Eltern an Hand von Dingen, die wie Asservate Zeugnis ablegen von deren seelischen Verletzungen durch den Zweiten Weltkrieg und die dokumentieren, wie eine fassadenhafte Vorstellung von Glück eine große Gefühlskälte und (latente) Gewaltbereitschaft überdeckt. – Es geht nicht mehr um eine Fortschreibung der 68-er Nachfolge, die noch den Protest gegen das Atomendlager in Gorleben oder Demonstrationen gegen den Nato-Doppelbeschluss bestimmt hat, sondern um eine nachgetragene Herkunftssuche, eine Herkunft aus der Zeit des Nationalsozialismus, von der sich die Eltern zu ihren Lebzeiten strikt abschotten.

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