Hattenhorst & von Elsner | Literaturgespräch

Holocaust: Blick zurück aus der dritten Nachkriegsgeneration

4. August 2022 | 60 Min. | Sendereihe: Hattenhorst & von Elsner - Das Literaturgespräch

Die Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland ist 80 Jahre her und fast alle Überlebenden und Täter sind verstorben. Doch die Erinnerungen und seelischen Erschütterungen pflanzen sich in den nächsten Generationen fort. Fast scheint es so, dass die seit Jahrzehnten geleistete akribische Erforschung der Mordmaschinerie, ihrer Machtstrukturen, logistischen Verfahren und technischen Einzelheiten, das Grauen vor der „Banalität des Bösen“ erst recht unerträglich macht. – Hattenhorst und von Elsner diskutieren an Hand von drei Büchern die Auseinandersetzung der Nachgeborenen, wie die Herkunftsgeschichte der Eltern, Großeltern sowie weit zurückreichende familiäre Prägungen in ihr Leben eingreifen.

Per Leo, Flut und Boden, Stuttgart 2014 – Ein herrschaftliches Haus am Weserstrom bei Bremen, in dem die Urgroßeltern von Per Leo zu Beginn des 20. Jahrhunderts den ererbten Reichtum aus der Schiffbauindustrie und die Gelehrsamkeit des Bildungsbürgertums vereinten, ist bei dem Besuch des Ich-Erzählers Anfang 1995 nur noch eine leere Hülle. Der Geschichtsstudent übernimmt die Bücher des verstorbenen Großvaters; die Auseinandersetzung mit dem „Nazi-Opa“ Friedrich Leo stiftet Struktur und Orientierung in seinem Leben. Während der Großvater scheinbar folgerichtig durch seine frühe SS-Mitgliedschaft Karriere macht, im Krieg als „Rasseprüfer“ über Menschenschicksale entscheidet, interessiert den Autor zugleich das Leben von dessen Bruder Martin als eine Art Gegenbild: Der Chemiker und Universalgelehrte begreift die Welt im Goethe‘schen Sinn durch Beobachtung und Anschauung.

Anne Weber, Ahnen – Ein Zeitreisetagebuch, Frankfurt am Main 2016 – Die deutsch-französische Autorin Anne Weber ist fasziniert vom Leben ihres Urgroßvaters Florens Christian Rang, der von den existenziellen Fragen des Menschseins umgetrieben wird. Unzufrieden mit dem vorgezeichneten Weg als Verwaltungsjurist, studiert Rang Theologie, wird in Posen inmitten der polnischen Mehrheitsbevölkerung protestantischer Verkünder des „Deutschtums“, hadert mit Trägheit und Mittelmaß in seiner Umgebung und arbeitet berserkerhaft an einer „Abrechnung mit Gott“. Mit Sympathie entdeckt die Autorin einen Menschen, der mit großem Ernst seine Wahrheitssuche betreibt und mit jüdischen Gelehrten wie Martin Buber eine bessere Weltordnung diskutiert. Doch dann der Schock: In seinem Tagebuch notiert er, dass er bei der Führung durch eine „Irrenanstalt“ den Arzt gefragt hat: „Warum vergiften Sie diese Leute nicht?“ Schiebt sich damit die „Vernichtung unwerten Lebens“ der NS-Zeit zu einem unüberwindlichen Gebirge auf zwischen der Autorin und dem Urgroßvater?

Yasmina Reza, Serge, München 2022 – Die jüdische Herkunft scheint kaum eine Rolle zu spielen im Pariser Alltagsleben der drei Geschwister Serge, Jean und Nana. Erst der Tod der Mutter macht ihnen bewusst, wie wenig sie über das Schicksal ihrer verfolgten und ermordeten Vorfahren wissen und dass sie nun nichts mehr fragen können. Sie beschließen, die Gedenkstätten der Vernichtungslager Auschwitz und Treblinka zu besuchen. Serges Tochter ergreift energisch die Initiative, Nana wird ebenfalls aktiv und Jean, der Ich-Erzähler fühlt sich verantwortlich als Begleiter seines älteren Bruders Serge. Der lässt sich allerdings nur widerwillig auf das Vorhaben ein – Serge ist geplagt von beruflichen Problemen, er betrügt seine Freundin, hypochondrisch und neurotisch ist er sich selbst der Nabel der Welt. Gleichzeitig hat er ein genaues Gespür dafür, dass Ergriffenheit, Betroffenheit und Trauer nicht per Knopfdruck beim Rundgang über die Stätten der Vernichtung abrufbar sind.

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